Kleine Nager
Tierwelt Nr. 18 vom 30. April 2004
Text: Esther Wullschleger
 
 

 

 

 

Der Meerschweinchen Speiseplan ist kein Kinderspiel!

 

 

Oberste Priorität hat Heu

 

Ihre Ahnen haben sich in den südamerikanischen Anden von kargem Hochlandgras ernährt, das sehr reich an Vitamin C war. Auf die biologischen Besonderheiten der Meerschweinchen ist bei der Zusammenstellung ihres Speiseplans Rücksicht zu nehmen.

Meerschweinchen haben ein hoch spezialisiertes Verdauungssystem, das ganz auf die Verwertung von faserreicher Nahrung wie Gras oder Heu abgestimmt ist. Aus dieser kargen Nahrung können die kleinen Nager mittels spezieller Bakterien im Darm Energie gewinnen. Als so spezialisierte Nahrungsverwerter reagieren Meer- schweinchen aber empfindlich auf verdorbenes oder ungeeignetes Futter. Fütterungsfehler können längerfristig leicht Verdauungsprobleme und Dysbakteriosen (Fehlbesiedlung des Darms durch „falsche“ Bakterien) verursachen.

Gefährliche Blähungen, die stark auf die umliegenden Organe drücken, sind oft die Folge. Betroffene Tiere leiden unter starken Beschwerden und sollten schleunigst zurn Tierarzt gebracht werden. Zur Wiederherstellung der beeinträchtigten Darmflora eines kranken Schweinchens löst man ein Kotbällchen eines gesunden Tieres in etwas Wasser auf, um ihm dieses einzuflössen. Damit erleichtert man es den „richtigen“ Bakterien, sich im Darm wieder anzusiedeln.

 

Fasten ist gefährlich

 

Meerschweinchen haben wie Kaninchen die Gewohnheit, über den ganzen Tag verteilt viele kleine Mahlzeiten zu fressen. Die Möglichkeit dazu muss ihnen in jedem Fall gegeben sein. Die jeweils neu aufgenommene Nahrung sorgt erst dafür, dass der Darminhalt weiterrutscht. Die Magenmuskeln der Meerschweinchen sind dagegen sehr schwach und erlauben es den Tieren auch nicht, schlecht verträgliches Futter wieder zu erbrechen. Längeres Fasten ist für Meerschweinchen ebenso gefährlich wie das Überfressen nach allzu langer Hungerzeit. Selbst vor Operationen soll der Meerschweinchendarm nie leer sein (die Gefahr des Erbrechens während der Narkose besteht bei Meerschweinchen ohnehin nicht).

 

Nachwachsende Zähne

 

Die Zähne der Meerschweinchen sind ebenfalls ganz auf faserreiche Nahrung eingestellt. Schneide‑ und Backenzähne wachsen zeitlebens nach und müssen regelmässig abgenutzt werden. In der Natur geschieht das, wenn die Schweinchen zähes Hochlandgras zermalmen. Hausmeerschweinchen nutzen ihre Zähne vor allem beim Zerkauen ihrer faserigen Heunahrung ab, weniger beim Genuss von hart- gebackenen Knabberstangen. Den nagefreudigen Tieren sollten auch regelmässig Zweige von geeigneten Gehölzen gereicht werden ‑ eine gesunde Knabberei, die auch den Zähnen gut tut.

 

Wichtig ist das Vitamin C !!!

 

In ihrer einstigen Bergheimat waren die Futterpflanzen sehr reich an Vitamin C, und die Meerschweinchen haben sich an dieses Angebot angepasst. Hausmeerschweinchen haben deshalb einen ausserordentlich hohen Bedarf an Vitamin C. Wenn sie nicht regelmässig grössere Mengen an Frischfutter mit sehr hohem Gehalt an Vitamin C erhalten, kann es zu Engpässen kornmen. In solchen Situationen ist es notwendig, mit Vitamin C angereicherte Kraftfuttermischungen (Inhaltsangaben beachten) oder Vitamintropfen zu geben. Überschüssiges Vitamin C wird vom Tier ausgeschieden, weshalb keine Überdosieraug zu befürchten ist. Artikel Futter in Pelltsform lesen.

Vorsicht aber bei Multivitammpräparaten: Andere, fettlösliche Vitamine können leicht überdosiert werden. Ausser dem wasserlöslichen Vitamin C brauchen Meerschweinchen ohnehin keine weiterenVitamine in grösserer Dosis.

 

 

Futterumstellung braucht Zeit

 

Um Verdauungsprobleme zu vermeiden, ist jegliche Futterumstellung bei Meerschweinchen langsam anzugehen. „Neues“ Futter wird zuerst stets in sparsamer Dosis gegeben. Besonders tückisch ist der Wechsel vom winterlichen Speiseplan zum frischen ersten Grün im Frühjahr. Obwohl sie das frische Gras sehr mögen, dürfen die Meerschweinchen zunächst nur kleinere Mengen davon bekornmen. So kann sich ihr Verdauungssystem langsam an das neue Grünfutter anpassen.

Hauptfutter für die Schweinchen ist und bleibt qualitativ gutes Heu. Frisches Heu sollte den Tieren jeden Morgen als Erstes angeboten werden. Es muss ihnen den ganzen Tag über in ausreichender Menge verfügbar sein. Geeignete Früchte und Gemüse ergänzen den täglichen Speiseplan und sorgen für eine gute Versorgung mit Vitaminen und Spurenelementen. Kraftfutter wird nach Bedarf gegeben (bei Freilandhaltung brauchen die Tiere mehr Energie).Wenig ideal sind verschiedene „Snacks“ aus dem Zoohandel: „Joghurtdrops“ etwa passen ganz und gar nicht in den artgemässen Speiseplan der Meerschweinchen.

Heu ist das Hauptfutter der Meerschweinchen und sollte immer verfügbar sein. Dazu brauchen sie täglich Frischfutter.

 

Naturkost für Meerschweinchen

 

Als Futter geeignet sind Löwenzahn, Gras und Wiesenkräuter, Huflattich,  Peperoni (ohne grünen Stiel), Gurken ,Rüebli, Fenchel, Kohlrabi, Mangold, Sellerie, Salat (Kopfsalat wenig, da nitratreich), Tomaten (ohne Grün), Apfel, Birne, Kiwi, Orangen, Melone, Hagebutten (viel Vitamin C!), Zweige von Hasel, Weiden, Obstbäumen und Rottannen.

In kleineren Mengen: Peterli (Blasensteine), getrocknet Brennnesseln, Klee (Blähungen), Radieschen und Rettich (Blähungen), Brokkoli, Blumenkohl, frischer Spinat, Maiskolben mit Kraut (nährstoffreich).

Ungeeignet oder giftig: Zwiebelgewächse inklusive Bärlauch, Avocado, rohe Aubergine, grüne Teile von Kartoffel und Tomatenpflanzen, Weiss und Rotkraut, Steinobst, Hülsenfrüchte, Rhabarber, frischer kurzer Rasenschnitt (gärt rasch), Eibe, diverse Zimmerpflanzen.